Melks mutiger Kultur-Macher
Ein Intendant in Melk hat es nicht leicht. Sei es der freundlichen Zähigkeit der Melkerinnen und Melker wegen, die Neues nicht unbedingt goutieren, sei es der luftigen Anfänge der Sommerspiele wegen, denen manche noch lange nachtrauerten. Ein Intendant in Melk braucht Mut, Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen, muss glaubhaft Künstler und genauso glaubhaft „normaler Mensch“ sein. Eine „conditio sine qua non“ für Melk: Man legt Wert auf verlässliche Normalität; ein Hauch von Verrücktheit ist gestattet.
Ab 1990 entwickelte Hauer Projekte für Melk, etwa die „Plattform Theatermühle“, die bekannten Größen wie Peter Turrini und jungen Talenten wie Ursula Strauss eine Bühne bot, oder die Veranstaltungsreihe „MERKwürdig“, im Gedenken an die Opfer des KZ-Außenlagers Melk. Er ist kein „verrückter Hund“, der mit missionarischem Eifer Hochkultur zelebriert, sondern serviert Hochkultur mit leichter Hand und wie nebenbei als unverzichtbares Lebensmittel.
Hauer trat mit der Vision an, Melk als Festspielort mit Nachdenkpotenzial zu profilieren. Für die „großen Stoffe der Mythologie und Weltliteratur“ fand er dort den idealen Spielort – und als Herausforderung ein permanentes Bühnenbild: die prachtvolle Kulisse des Stifts, die wie beiläufig ins Spiel einbezogen wird, als Mahnung, Kommentar, Kontrast.
Mit Stolz akzeptierte Melk die neue Position im Festivalreigen. Man ließ sich zum Gottsuchen verführen („Parzival“, 2002), schauderte vor dem Weltende („Apokalypse“, 2007), dachte über den Fundamentalismus kirchlicher Institutionen nach („Der Name der Rose“, 2004), erlitt die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem Staatsapparat („Wilhelm Tell“, 2010), erwanderte neun Bühnen weit Dantes „Welt danach“ („Die Göttliche Komödie“, 2005). Und man lässt sich darauf ein, Brisantes, Gesellschaftspolitisches im Historischen zu entdecken.
Wie hoch die gegenseitige Wertschätzung ist, zeigte sich im Krisenjahr 2009, als das Aus für die Spiele beschlossen wurde. Die Melkerinnen und Melker ermöglichten durch spontane Unterstützung „ihres Intendanten“ den Weiterbestand der Spiele. Hauer erweiterte das kulturelle Angebot für „seine Melker“ – die „Tischlerei“ bietet im Frühjahr und im Herbst Konzerte, Kabarett, Kindertheater – und dankte mit fulminanten Festspielen 2010 und 2011.
Text: Friederike C. Raderer
