Meister räumlicher Komposition
Johannes Kraus ist mit seinem Geburtsjahr Mitte der 60er Jahre ein „Glückspilz“, wenn man sich in die Zeit seiner Studienjahre Mitte 80 bis in die frühen 90er zurückversetzt. Eine kurze Epoche der neuen Stile, die gegeneinander angetreten waren: Historismus und Eklektizismus treffen auf Dekonstruktivismus und technisches Experiment in der „High-Tech-Architecture“. Der unklare, oft spektakulär polygonale Raum, die Vielfalt an Materialien, aber auch einfach der architektonische Zufall – ohne anspruchsvolle Erklärung des Entwurfs – waren reizvolle, innovative „Irritationen“ und spannende Studienobjekte. Und jedenfalls war die Dynamik der Gegenpol zur Postmoderne, deren Innovationskraft den angehenden Architektinnen und Architekten nicht ganz greifbar war. Die österreichischen Architektinnen und Architekten von damals: Prix/Swiczinsky = Coop Himmelb(l)au, Günther Domenig, Klaus Kada, Eilfried Huth und international: Daniel Libeskind, Zaha Hadid, Thom Mayne, Frank Ghery wären hier zu nennen.
Eine Werkschau in die Arbeitswelt von Johannes Kraus fördert vieles von der Auseinandersetzung mit dem damals neuen und erfrischenden Formenkanon der „Dekonstruktion“ zutage. Da wären ein prämierter Wettbewerbsbeitrag für ein neues Musiktheater in Linz aus dem Jahr 1998 oder das Stuttgarter Theaterhaus aus dem Jahr 2020, beides in Kooperation mit den Architekten Rossmann & Partner/Karlsruhe, die die Klaviatur des räumlichen Vielklangs gekonnt bespielen.
Damit wird an dieser Stelle die Musik zum Thema zweier herausragender Bauten von Johannes Kraus: Das „MuTh“, der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben in Wien aus dem Jahr 2012, und der kürzlich fertiggestellte Konzertsaal in Hermannswörth, ein Projekt eines privaten Musikenthusiasten.
In Hermannswörth scheint die Formensprache von Johannes Kraus besonders gut zu passen, nämlich auch aus dem Fachbereich der Akustik. Seine Architektur „klingt gut“ und dann drängt sich irgendwie das Wort „Komposition“ auf, wenn man seinen Architekturen eine Überschrift verleihen möchte.
Architekt Johannes Kraus wohnt seit 1984 in Österreich, seit 2000 in Niederösterreich. Nach dem Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in der Meisterklasse für Architektur von Prof. Hans Hollein und Mitarbeit im Atelier Hollein und bei Coop Himmelb(l)au arbeitet Johannes Kraus selbstständig. Zahlreiche Projekte in Niederösterreich, unter anderem das Nitsch-Museum in Mistelbach, der Kindergarten in Pulkau, die Sanierung von Schloss Gainfarn mit neuem Konzertsaal für die Musikschule Bad Vöslau, Gemeindezentren in Eggendorf im Thale, in Falkenstein und Lichtenwörth, die Neugestaltung des Schlossplatzes in Schiltern, die Sanierung des Schlosses Dobersberg, Sanierung und Umbau des ehemaligen Hubertusbräu-Depots in Gars am Kamp wurden realisiert. Seit 2024 arbeitet Kraus in seinem Atelierhaus in Wolfshof nahe Gars am Kamp.
Der diesjährige Würdigungspreis geht damit an einen konsequent mit starkem räumlichem „Überblick“ entwerfenden Architekten, dessen Projekte vielfach Kultur behausen. Museen, Musikhäuser und behutsame Sanierungen: eine große Vielfalt an Aufgaben, die er mit räumlicher Komplexität und einem Bouquet an Materialien beantwortet und – ja – bespielt.
BENEDICT MARGINTER
