Offenheit für das Unvorhergesehene
Frenzi Rigling zählt zu jenen Kunstschaffenden, deren Arbeiten sich einer schnellen Vereinnahmung entziehen und gerade darin ihre besondere Kraft entfalten. Sie hat eine unverwechselbare künstlerische Position entwickelt, die Zeichnung, Fotografie, Objektkunst, Installation, Textilkunst sowie Arbeiten mit Schrift und Sprache umfasst und von großer poetischer Präzision getragen wird. Mit feinem Gespür richtet sie den Blick auf das Unscheinbare, auf Spuren gelebten Lebens und auf jene Zwischenräume, in denen Erinnerungen, gesellschaftliche Strukturen und persönliche Erfahrungen sichtbar werden.
1958 in Schaffhausen (CH) geboren, lebt und arbeitet Frenzi Rigling seit rund vier Jahrzehnten im niederösterreichischen Obermarkersdorf sowie in Wien. Der Weg nach Österreich begann für die ausgebildete Malerin aus künstlerischer Neugier. Die Wiener Akademie versprach neue Perspektiven, die Stadt selbst eröffnete ihr eine Haltung, die ihr Denken und Arbeiten bis heute prägt: Offenheit für das Unvorhergesehene, Interesse am Prozesshaften und Vertrauen in die Kraft des Allmählichen.
Riglings Kunst entsteht aus genauer Beobachtung. Als Forscherin und präzise Ordnerin entwickelt sie aus Fragmenten des Alltags neue Bedeutungsräume. Wahrnehmen, Aufzeichnen, Archivieren und Neu-Strukturieren ziehen sich als wiederkehrende Prinzipien durch ihr Werk. Getragene Kleidungsstücke, Fundobjekte, Filz und andere emotional aufgeladene Naturmaterialien werden genau wie unscheinbare Überreste des täglichen Lebens zu Trägern von Erinnerung und Erfahrung.
Dem Textilen kommt dabei besondere Bedeutung zu. Die Affinität zu Stoffen reicht bis in die Kindheit zurück. Kleidung erscheint in ihrem Werk nicht als Mode, sondern als Hülle des Körpers und Speicher von Zeit. Seit mehr als 20 Jahren hält die Künstlerin in täglichen Zeichnungen fest, was sie getragen hat. Aus dieser konsequenten Praxis entsteht ein außergewöhnliches Archiv, in dem sich persönliche Geschichte, gesellschaftliche Zuschreibungen und die leisen Veränderungen des Lebens einschreiben.
Auch die Natur ist ein zentraler Bezugspunkt. Der Garten wird zum erweiterten Atelier, zum Ort des Beobachtens und Forschens. Pflanzen, Samen und natürliche Abläufe liefern nicht nur Materialien, sondern auch Modelle für Wachstum, Verwandlung und zyklische Rhythmen. Ebenso prägend ist die Auseinandersetzung mit Sprache und Schrift. Wörter, Buchstaben und Texte interessieren Rigling nicht allein als Bedeutungsträger, sondern als visuelle Formen und räumliche Gefüge. Ihr Augenmerk gilt Leerstellen, Übergängen und Unterbrechungen. Aus den Zwischenräumen der Buchstaben entwickelt sie ein eigenes Alphabet und lenkt den Blick vom Zeichen auf den Raum, den es umgibt. Die Leerstelle wird zur Form, das Ungesagte zum Bild. Gerade dort, wo Sprache brüchig wird oder sich eindeutigen Festlegungen entzieht, beginnt ihre Kunst des Sichtbarmachens.
Darin liegt auch die feministische Dimension ihres Schaffens. Rigling gibt Erfahrungen, Tätigkeiten und Geschichten Raum, die oft im Hintergrund bleiben. Sie verleiht dem Nebensächlichen Gewicht und zeigt, wie sehr unsere Wahrnehmung von kulturellen und gesellschaftlichen Ordnungen geprägt ist.
Mit großer Beharrlichkeit hat Frenzi Rigling eine eigenständige künstlerische Sprache entwickelt. Ihr Werk verbindet konzeptuelle Klarheit mit poetischer Offenheit, sinnliche Materialerfahrung mit gedanklicher Präzision. Es macht sichtbar, was leicht übersehen wird, und eröffnet neue Perspektiven auf unsere Wahrnehmung der Welt. Für dieses außergewöhnliche und kontinuierlich gewachsene Gesamtwerk wird Frenzi Rigling mit dem Würdigungspreis des Landes Niederösterreich 2026 ausgezeichnet.
GERDA RIDLER
