Georg Bydlinski

Literatur
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© Stefan Sappert

Einzeln sind wir Worte, zusammen ein Gedicht

Wer über Jahrzehnte hinweg Kinder im Bilderbuchalter mit Gedichten begeistert und für Literatur gewinnt, beweist literarische Qualität auf besondere Weise. Dennoch begegnet der Literaturbetrieb Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren bei genreübergreifendem Arbeiten oft mit Skepsis. Wer wie Georg Bydlinski zugleich Kinder- und Jugendbuchautor, Lyriker, Nachdichter, Erzähler, Herausgeber sowie Verfasser von Liedtexten und Kindermusicals ist, muss daher höhere Zutrittshürden überwinden als viele andere.

Dass es zu diesem Vorbehalt kommt, liegt zum Teil am noch immer dominierenden pädagogischen Blick auf Kinder- und Jugendliteratur und zum zweiten an einem unausgesprochenen Gesetz: Wenn man schon das eine ist, kann man nicht auch noch das andere sein. Georg Bydlinski ist es und noch einiges dazu.

Vor allem aber hat er sich niemals aus Anpassung oder Bequemlichkeit mit Positionen gemein gemacht, die nicht seinen Überzeugungen entsprachen. Was ihm kurzfristig oft Kritik statt Zustimmung einbrachte, verschaffte ihm auf Dauer umso größeren Respekt für seine Haltung und sein Schaffen.

Georg Bydlinski ist niemand, der sich nach vorne rempelt, er ist in allem, was er macht, überlegt und konsequent, behutsam und umsichtig, und man kann sich darin blindlings auf ihn verlassen. Er war schon „achtsam“, als Umsicht, Aufmerksamkeit oder Sensibilität noch nicht im Begriff „Achtsamkeit“ monokulturalisiert wurden, und er war Übersetzer indigener nordamerikanischer Literatur lang bevor noch von der einen wie der anderen Seite Schimpfbegriffe wie „Multikulti“ und „kulturelle Aneignung“ auftauchten, und er ist es geblieben, ein Botschafter der Sprache und Literatur ungehörter Stimmen auf für solche Stimmen nicht vorgesehenen Bühnen.

Diese Grundhaltung zieht sich durch seine gesamten literarischen Arbeiten, die einen nicht anspringen, sondern die man langsam und bleibend an sich herankommen lassen kann und mit denen er manchmal zu solchen überraschenden und exklusiven Veröffentlichungsergebnissen wie als Musterbeispiel für Gravuren in Hochzeitsringen mit einer seiner auf den Punkt gebrachten lyrischen Reduktionen, „Einzeln sind wir Worte, zusammen ein Gedicht“, gekommen ist.

Zumeist werden Lebenswerkpreise für ein zurückliegendes Werk verliehen. Bei Georg Bydlinski ist das anders: Der Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur würdigt gleichermaßen sein bisheriges wie sein gegenwärtiges Schaffen und vor allem für die bemerkenswerte Konsequenz, mit der er es fortsetzt. So hat er vor ein paar Jahren seine Lesereisen in Schulen eingestellt, nur um seine Kontakte mit seinem Publikum an anderer Stelle neu zu knüpfen.

Georg Bydlinski verfügt über die „zweite Luft“ der schon verbraucht gemeinten und wieder neu erwachenden Kräfte, und er lebt und arbeitet mit der „dritten Luft“, den Vorstellungswelten, die von seinen Gedichten, Liedtexten, Geschichten und Erzählungen ausgehen. Er hat reduzieren gelernt, eine der Grundvoraussetzungen für das Gelingen von Gedichten und ganz besonders für Gedichte, die für Kinder geschrieben werden, die Gedichte schon nachsprechen können, bevor sie noch in der Lage sind, sie zu lesen. Nicht in einen bestehenden Bedarf hinein zu liefern, sondern literarische Eigenständigkeit zu erarbeiten und zu behaupten ist eine literarische Leistung, die höchste Anerkennung verdient.

Mit dem Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur erfährt Georg Bydlinski nun in jenem Bundesland, in dem er seit mehr als viereinhalb Jahrzehnten als freiberuflicher Schriftsteller lebt und arbeitet, jene Anerkennung für sein Werk, die ihm seit Langem gebührt.

GERHARD RUISS

Diese Textpassage stammt aus der Kulturpreis-Broschüre von 2026