Grenzenlose Vorstellungskraft
Kindheit, Heimat, Außenseitertum sind wiederkehrende Themen im Werk Michael Stavaričs. Nicht nur in Prosa und Lyrik, sondern teils auch in Erwachsenen-, Kinder- und Jugendliteratur überschreitet es dabei Gattungsgrenzen. Ende der 1970er als Siebenjähriger über den Eisernen Vorhang nach Niederösterreich gekommen, ist der Autor heute auch als Übersetzer und Literaturvermittler Brückenbauer zwischen den Sprachräumen.
Auch „Die Schattenfängerin“, sein zehnter Roman, setzt dabei weniger auf realistische Beschreibung, denn auf Imagination, Eigen- und Möglichkeitssinn. Stella ist fünfzehn, als ihr Vater stirbt; die Mutter schon lange in einer psychiatrischen Klinik. Von der Dorfgemeinde rund um Pfarrer und Bürgermeister erfährt die als „Sonderling“ geltende Heranwachsende, die nicht einmal die Schule besucht, sondern von ihrem eigenbrötlerischen Vater Privatunterricht erhalten hatte, wenig Unterstützung. Und doch geht Stella unbeirrt ihren Weg, behauptet sich mit Neugier und Entdeckerinnenfreude und wird gar zur „jüngsten Totengräberin des Landes“.
Tragikomische und surreale Elemente finden sich im Roman genauso wie märchenhafte Anklänge. Anspielungen auf den Anti-Heimat-Roman werden von Ausbrüchen kindlicher Fantastik konterkariert. Michael Stavarič erzählt mit großer sprachlicher Sensibilität und einem Blick auf die Welt, der für den Zauber empfänglich bleibt und empfänglich macht. Aus einer im Kern bedrückenden Geschichte wird so ein Zeugnis von (auch weiblicher) Selbstermächtigung.
JOHANNES TRÖNDLE
