Zeitgenössische trifft auf historische Qualität
Ganz Europa ist von den Couchpotatoes besetzt … ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Waldviertlerinnen und Waldviertlern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.
Obwohl das kleine Städtchen Drosendorf im nördlichen Waldviertel nicht wie das bekannte Dorf in Gallien einen Druiden in seiner Mitte hat, der seine Kenntnis über das Brauen eines Zaubertranks für magische Kräfte einsetzt, trotzt es dennoch beherzt dem fortschreitenden Kinosterben. Die geheimen Rezepte dahinter hecken seit 1990 der Filmclub Drosendorf mit seinem langjährigen Obmann Wilhelm-Christian Erasmus aus. Einige Ingredienzien der erfolgreichen Strategien für die Erhaltung und Lebendigkeit des Kinos in Drosendorf werden hier verraten.
Der Filmclub Drosendorf baut auf einer langen Tradition leidenschaftlicher Kinobetreiberinnen und Kinobetreiber auf. Vor 101 Jahren (1920) entschloss sich der Wirt Ferdinand Failler, ein Kino in seinem großen Speisesaal zu eröffnen, und suchte bei der „hohen Niederösterreichischen Landesregierung“ um eine Lizenz an. Die Tochter Erika Failler absolvierte als eine der ersten Frauen die Prüfung als Kinovorführerin in Wien. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hannes war sie viele Jahre lang für beinahe sämtliche Bereiche des Lichtspieltheaters zuständig.
1990 begann der Filmclub Drosendorf – vorerst als Teil der Waldviertel Akademie – mit seinem ambitionierten Programm und rettete somit den Standort. Damals wie heute schätzen die Gäste des Gasthauses Failler das gute Essen und die Terrasse am Felsen hoch über der Thaya, wo man im Schatten der Bäume in das herrliche Flusstal schauen kann. Der große Festsaal vom Failler fungiert nach wie vor als Kino, und die roten Brokattapeten schmücken auch noch immer die Wände.
Im November 2021 wird hier der Galaabend und Kinoball anlässlich der beiden Jubiläen „101 Jahre Kino“ und „31 Jahre Filmclub Drosendorf“ stattfinden. Dazu wird ein fünfgängiges Kurzfilmmenü und ein fünfgängiges Kulinarium geboten: Ein besonderer Filmgenuss in Verbindung mit dem Vergnügen an Speis und Trank wurde zu einer Art Markenzeichen. Das Repertoire ist hochwertig und findet sein qualitätsbewusstes Publikum zahlreich in der ganzen Region. Denn wo sonst könnten Mann und Frau und Kind in der Gegend noch das regelmäßige Angebot eines Programmkinos finden?
Bei sperrigeren filmkünstlerischen Werken wird auf den Aspekt der Vermittlung großen Wert gelegt. So werden Regisseurinnen und Regisseure aus Österreich, Historikerinnen und Historiker sowie Kuratorinnen und Kuratoren für Filmgespräche oder Einführungen eingeladen. Unter den illustren Gästen fanden sich unter anderen Ulrich Seidl, Kurt Kren, Florian Flicker, Jessica Hausner, Kathrin Resetarits, Thomas Reinoldner u.v.a.
Die innovativen Ideen gehen dem Filmclub nicht aus. So war er einer der ersten in Österreich, der ein Sommerkino mit Open-Air auf die Beine stellte. Anfangs wurde die alte Stadtmauer zur Kulisse, mittlerweile hat sich auch das Sandstrandbad an der Thaya dazu gesellt.
Mit dem tschechisch-österreichischen Filmfestival „Czinema“ begann eine langjährige Zusammenarbeit mit tschechischen Kinos, Filmfestivals und Kulturinstitutionen über die Grenze hinweg. Der Filmclub Drosendorf zeigt Filme des Nachbarlands, in der Tschechischen Republik sind im Gegenzug österreichische Produktionen zu sehen.
Legendär sind auch die beiden AEG-Filmprojektoren, die für die originalen Vorführungen von analogen Filmen zum Einsatz kommen. Sie stammen aus dem Jahr 1937 und werden noch mit zwei Kohlestäben betrieben, die ein flackerndes Kohlebogenlicht erzeugen. Natürlich gibt es längst auch eine Ausstattung für digitales Kino, aber die alten Maschinen werden regelmäßig gewartet, um für historische Filme die entsprechende Technik zur Verfügung zu haben.
Unter den wenigen, die die Riesenprojektoren noch bedienen können, sind Willi Erasmus, der den Filmclub seit 30 Jahren leitet, und Martin Waitz, der derzeitige Filmvorführer. Er bekam 2007 einen Oscar für „Technical Achievement“ verliehen und hält immer wieder Vorträge zur Kinotechnik mit anschaulichen Projektionen in Drosendorf.
Erst kürzlich wurde wieder der alte Projektor angeworfen, und zur Vorführung von Sergej Eisensteins Stummfilmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ spielte die Elektronikband InnOde, ein Projekt von Stefan Németh, ehemaliges Mitglied der österreichischen Musikgruppe „Radian“. Zeitgenössisches trifft auf Historisches – das macht die lebendige Filmkultur in Drosendorf aus.
